2017-06-22T09:38:56+00:000000005630201706

Dankbarkeit

Von Elmar Brok, Mitglied des Europäischen Parlaments

Die Großen der Welt verneigen sich in diesen Tagen vor Helmut Kohl, dem Ehrenbürger Europas und dem Vollender der Einheit Deutschlands, die er mit traumwandlerischer Sicherheit und wegen seiner internationalen Glaubwürdigkeit erreichte.

Dieses geeinte Deutschland sah er als Teil Europas, wie es das Grundgesetz sah. den beiden Weltkriegen wusste er, dass Bismarck recht hatte, dass Deutschland zu klein für die Vorherrschaft und zu groß für die Balance sei. In Gesprächen betonte er das immer wieder.

Deshalb war er auch aus nationalem Interesse frei von allem nationalen Hochmut. Frankreich war der Anker, der Partner. Deshalb würde er jetzt mit aller Kraft Präsident Macron unterstützen, um Frankreich wieder zu einem starken Partner zu machen.

Und er genoss das Vertrauen der kleinen Länder – das war die Basis seines Einflusses in Europa. Als 1996 zur Vorbereitung des Amsterdamer Vertrages Hoyer, der Verhandler Deutschlands, und ich als der des Europäischen Parlaments mit ihm alleine ein Vorbereitungsgespräch führten, sagte er nach drei Stunden: „Ich vertraue Euch, macht Euren Job selbstständig und fragt nicht alle Tage bei den Beamten der Bundesregierung nach. Aber wenn ihr nicht beachtet, dass ich in der letzten Nacht der Schlusssitzung des EU-Gipfels auf Seiten der kleinen Länder stehen werde, habt ihr alles falsch gemacht.“

Er stammte wie die Gründerväter Adenauer, Gasperi, Schumann aus einer Grenzregion und war wie sie gläubiger Katholik. Daraus speiste sich sein „Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur.“

Aus der katholischen Soziallehre speiste sich auch seine Überzeugung, dass Soziale Marktwirtschaft gleichermaßen Wettbewerbsfähigkeit und soziale Balance bedeutet. Das war und ist Kern der Stärke der Volksparte CDU, die für ihn weitaus mehr war als ein Instrument.

Wir lästerten manchmal, dass er ein Freund der USA wegen der Schulspeisungen in Ludwigshafen gewesen war. Es war aber mehr. Die USA waren für ihn Befreier, der Garant für Freiheit und ein Hebel für die deutsche Einheit, für die die persönliche Freundschaft mit George Bush dann auch eine Bedingung war.

Kohl schenke Vertrauen und gewann Vertrauen.

Aus vielen Gesprächen – allein und in kleinen Gruppen – habe ich diese Mischung von taktischem und strategischem Denken und das klare Festhalten an Prinzipien und seinen Hauptzielen erlebt. Er laß ständig Meinungsfragen, die Einfluss auf seine Taktik haben könnten, aber nicht auf das Verfolgen der grundsätzlichen Ziele. Der Euro und die NATO-Nachrüstung sind Beispiele dafür.

Den Euro hatte er schon 1988 in Hannover bei dem Europäischen Rat mit der Einsetzung der Delors-Gruppe in Gang gesetzt. Es ist keine Folge der Deutschen Einheit. Das war der zweite Teil des Maastricht-Vertrages, die Politische Union, die seitdem in Schritten immer mehr Fortschritt macht.

Mitterand wollte das Gleiche, dass das geeinte Deutschland sich auch politisch einbinden lässt.

Ich kannte Kohl seit 1968 persönlich und war nicht sofort sein Anhänger, da ich aus dem Stall von Rainer Barzel stamme. Heute bin ich dankbar, dass aus politischem Vertrauen auch persönliches sich entwickelte. Die privaten Gespräche zeigten seinen tiefgründigen, manchmal rustikalen Humor, der sein Weg war, Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen, seine ungeheure Belesenheit in Geschichte, Philosophie und Belletristik, seine tiefe Liebe zu den Menschen und seine oft bewiesene Hilfsbereitschaft für Bekannte, die in Not gekommen sind – weit über Parteigrenzen hinaus.

Nach seiner Kanzlerschaft hat er jedes Jahr bis zu seinem Unfall meine Frau und mich auf einem brandenburgischen Bauernhof in ihrem Geburtshaus für einen halben Tag besucht, Debatten mit Bauern über seine alte Liebe der Landwirtschaft und die Gastfreundschaft und Küche meiner Frau lobend genossen.

Nach dem Unfall habe ich ihn regelmäßig besucht und über Telefon Kontakt gehalten. Seiner Frau Maike haben wir es zu verdanken, dass er noch so lange gelebt hat, in voller gedanklicher Frische persönlich seinen Rat über Artikel und Bücher geben konnte.

Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU sagte Päsident Herman van Rompuy zu mir, dass ihn eigentlich Helmut Kohl verdient habe. Von Rompuy und ich sind dann nach Ludwigshafen gefahren, wo ihm eine offizielle Kopie der Urkunde in einer bewegenden Atmosphäre übergeben wurde.